CROWN HISTORY AND RESEARCH
  Krone unter dem
3D-Mikroskop
  In London wurde gefeiert und gekrönt. Wien nähert sich seiner wichtigsten
Krone über die Wissenschaft mit einem spektakulären Forschungsprojekt zur Wiener Reichskrone.
  Text : Evelyn Rois & Bruno Stubenrauch
 

Die Krönung von King Charles III., als dem Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs, ist unter großer Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit über die Bühne gegangen. Die Edwardskrone als zentrales Symbol der britischen Monarchie mittlerweile wieder in ihre Vitrine im Tower of London zurückgekehrt. Während in London die Krone als Insigne in ihrer politisch-repräsentativen Funktion im Zentrum stand, nimmt Wien einen wissenschaftlichen Zugang: Im Zuge eines seiner größten und aufwändigsten Forschungsprojekte der letzten Jahre untersucht das KHM gerade die aus dem frühen Mittelalter stammende Wiener Reichskrone zu Materialität und Erhaltungszustand. Als Krönungsinsigne des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gilt sie als eines der wertvollsten und historisch bedeutendsten Objekte der Kaiserlichen Schatzkammer Wien.

Forschungsprojekt „CROWN“

Franz Kirchweger ist Leiter des Forschungsprojektes zur Wiener Reichskrone. Zur verstärkten medialen Aufmerksamkeit, die dem Thema Krone im Zuge des Krönungsevents in London zuteil wurde, meint der Kunsthistoriker: „Der Gedanke, dass eine Krone ein Staatswesen an sich repräsentiert, ist in England als eine bestehende Monarchie natürlich noch lebendig.“ Das politische Konstrukt Heiliges Römisches Reich hingegen ist seit 200 Jahren Geschichte, die historische Bedeutung der Reichskrone kann allerdings nicht hoch genug eingeschätzt werden, wie Kirchweger betont: „Sie ist schlicht und ergreifend das wichtigste Symbol einer rund 1000-jährigen europäischen Geschichte, mit dem Heiligen Römischen Reich als einem multinationalen Staatengebilde im Zentrum und dem Kaiser als gemeinsamen Oberhaupt an dessen Spitze. Die Reichskrone hat diese Person nach Außen hin konkret als dieses Oberhaupt erkennbar gemacht.“ 2022 startete das KHM ,CROWN. Untersuchungen zu Materialität, Technologie und Erhaltungszustand der Wiener Reichskrone.‘ Auf drei Jahre angesetzt, sind die ersten Analysen mittlerweile bereits abgeschlossen. Augenfällig ist die absolut einzigartige Form der Krone mit den großen, zu einem Achteck zusammengebauten Bild- und Edelsteinplatten, ihre schiere Größe und ihr Gewicht von 3,5 kg. „Es gibt nur wenige Beispiele von anderen Kronen, die auch Bildschmuck tragen“, so Kirchweger weiter, „hinter dem Bildprogramm mit den alttestamentarischen Figuren der Könige David und Salomon, König Ezechias mit dem Propheten Jesaias und Christus selbst, wird daher seit langem eine komplexe Botschaft angenommen.“ Die Wiederbelebung des antiken Imperium Romanum in Form des Heiligen Römischen Reiches im Frühmittelalter und dessen Rückbezug auf die biblischen Propheten sind wichtige Aspekte dieser Symbolik, mit der Inschrift über der Darstellung Christi als Weltenherrscher „P[er] me reges regnant“ (Durch mich herrschen die Könige), stand die Reichskrone auch für die Idee des Gottesgnadentums.

Überraschende Ergebnisse

Umso erstaunlicher, dass die Reichskrone in ihrer Materialität und Herstellungstechnik bislang noch nie wirklich umfassend wissenschaftlich untersucht wurde, wie Kirchweger anmerkt: „Man möchte es nicht glauben: Ein so bedeutendes, ein so bekanntes Werk, und trotzdem gab es bis zum Zeitpunkt unserer Untersuchungen noch nie eine wirklich komplette Überprüfung des Edelsteinbesatzes, um nur ein Beispiel zu nennen.“ Die genaue Erfassung der Goldschmiedeteile und der Edelsteine in verschiedenen Lichteinstellungen stand im Zentrum der bisherigen Untersuchungen - mit teils überraschenden Ergebnissen. „Wir haben das erste Mal Glassteine auf der Krone bestimmt, Gott sei Dank nur sehr kleine. Die großen, prägnanten Steine sind tatsächlich alle echte Edelsteine.“ Eine weitere herausragende Erkenntnis der ersten Untersuchungsphase, wie Kirchweger weiter ausführt, betrifft den großen, roten Spinell an der Stirnplatte: „Dabei konnte erstmals naturwissenschaftlich nachgewiesen werden, dass transparente Edelsteine schon so früh im Mittelalter wärmebehandelt wurden. Vermutlich ging es auch damals bereits darum, die Farbintensität des Steines zu steigern“.

Hightech trifft Mittelalter

Teresa Lamers, als konservierungswissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt ,CROWN‘ beteiligt, betont ebenso die Vielzahl an bereits gewonnenen, neuen Erkenntnissen: „Wir konnten bis jetzt sehr viel mikroskopieren, dabei haben wir zahlreiche Reparaturen und Umarbeitungen wie Drahtbindungen zwischen Fassungen und Steinen, Löcher in den Grundplatten oder verlötete Risse entdeckt. Am Ausmaß dieser Eingriffe lässt sich die bewegte Geschichte der Krone, ergänzend zu den Schrift- und Bildquellen, eindrucksvoll abbilden.“ In mehr als 60.000 Aufnahmen wurde jedes kleinste Detail der Krone erfasst. Die Geräte, die für die Untersuchungen eingesetzt werden, sind jedenfalls State of the Art, wie Lamers betont: „Wir haben ein sehr modernes 3D-Digitalmikroskop für das Projekt finanziert bekommen. Allein die Einblicke, die wir damit bekommen, wären noch vor einigen Jahren technisch nicht möglich gewesen.“ Auch Lamers kann sich der besonderen Aura der Krone nicht entziehen: „Man spürt schon, dass es ein sehr besonderes Objekt ist. Auch wenn man die Möglichkeit hat, die Krone mit ihren durchbrochenen Fassungen im Tageslicht statt in der Vitrine zu sehen, wirkt sie noch einmal eindrucksvoller.“

Europäische Dimension

Ein zweiter wichtiger Aspekt des Forschungsprojektes ist sein interdisziplinärer Ansatz. Um hier eine möglichst breite Basis zu haben, arbeitet das KHM für ,CROWN‘ mit zahlreichen Partnern in Europa, von den Staatlichen Museen zu Berlin über den Louvre in Paris bis zur Università degli Studi del Piemonte, zusammen. Durch das internationale Zusammenwirken von Geschichts- und Kunstwissenschaft, Konservierungs- und Naturwissenschaften erhofft man sich auch, endlich die wichtige Frage zur Entstehungszeit der Reichskrone genauer beantworten zu können. „Um all die naturwissenschaftlichen und kunsttechnologischen Erkenntnisse, die wir jetzt über die Krone gewinnen, historisch kontextualisieren zu können, brauchen wir zusätzlich Vergleichsstücke, die dieser Zeitstellung entsprechen“, führt Projektleiter Franz Kirchweger aus. Die breite internationale Kooperation sorgt dafür, dass wichtige Vergleichsobjekte auch tatsächlich mituntersucht werden können. Eine genaue Datierung der Entstehung auf ein bestimmtes Jahr wird allerdings selbst im optimistischsten Szenario nicht möglich sein, wie Kirchweger betont: „Wir befinden uns im Früh- und Hochmittelalter, da gibt es viele Objekte, die wir nicht näher als auf 50 Jahre eingrenzen können. Wir arbeiten aber natürlich intensiv daran, möglichst viele neue Hinweise zu gewinnen, die helfen können, diese Diskussion voranzubringen.“

Die gewonnenen Erkenntnisse werden laufend und auf einer eigenen Website präsentiert und nach Abschluss des dreijährigen Forschungsprojektes ebenso als Buch erscheinen. „Gerade hier in Österreich muss man immer wieder ein wenig darauf Aufmerksam machen“, so Kirchweger abschließend, „welche bedeutenden Schätze es bei uns gibt, was für eine reiche Geschichte dahinter steckt, und dass diese Objekte wirklich europäische Dimensionen haben.“

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projekt-reichskrone.at


 


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